4/26/2017

Kreativität am Ammersee

Es gibt die Theorie, dass unser Osterfest auf die Verehrung der babylonischen Fruchtbarkeitsgöttin Ishtar zurückgehe, und darum die Fruchtbarkeitssymbole Ei und Hase eine so wichtige Rolle spielten. Wie dem auch sei, jedenfalls wurde mir in der Woche vor Ostern wieder einmal bewußt, wie fruchtbar der Ammersee für die Kreativität ist.

Der überraschende Erleuchthund

OstereiZwei Veranstaltungen zeigten wunderbar den Zauber von künstlerischer Fruchtbarkeit: Wie aus den gleichen Vorgehensweisen immer wieder Neues entsteht.
Menschen stellen andere Menschen dar, und wir sehen ihnen fasziniert dabei zu. Das Grundprinzip des Schauspiels hat sich in den letzten paar tausend Jahren nicht geändert. Trotzdem bringt es immer noch Überraschendes hervor. Das zeigte die Performance "Erleuchthund" des Theaterkollektivs ELLE in den Räumen der ehemaligen Gärtnerei Dumbsky in Schondorf.
Ich hatte vorher darüber spekuliert, was es damit wohl auf sich haben werde (Beitrag Erleuchthund). Die Aufführung selbst übertraf dann aber noch einmal meine blühenden Vorstellungen.

Berührend oder beklemmend?

Ich mag das Gesehene jetzt gar nicht rational analysieren. Solche intellektuelle Einordnung ist ja immer auch ein Schutzmechanismus gegen das Unbekannte. Das Fremde soll katalogisiert und damit handzahm gemacht werden. Der Erleuchthund war aber etwas, auf das ich mich bewusst gefühlsmäßig einlassen wollte. Einfach in mich selbst hineinhorchen, welche Stimmungen und Emotionen das bei mir auslöst.
Wahrscheinlich hat jeder Zuschauer die Geschehnisse anders wahrgenommen hat. Ich fand die einzelnen Stationen menschlich berührend, die Süddeutsche Zeitung dagegen schrieb von Geisterbahn und einer "beklemmenden Atmosphäre" (SZ: Wirres Zeug). Wie gesagt, jeder Besucher hat das anders erlebt.

Wie bei Tino Sehgal

In Gruppen zu je zehn Leuten ging es zuerst an eine schummrige Theke. Ein philosophierender Barkeeper schenkte Getränke aus und übergab dem Publikum Stirnleuchten. Die Aufführung im alten Gewächshaus fand nämlich im Dunkeln statt. Damit erinnerte mich der Erleuchthund an "This Variation" von Tino Sehgal in Kassel, wo die Besucher ebenfalls der Finsternis ausgesetzt waren.
Das Licht wurde also nicht von einer Regie zentral gesteuert, sondern erst die Lampen der Zuschauer hoben die einzelnen Stationen aus der Dunkelheit. Ich fand das einen witzigen Kommentar zur heute hochgepriesenen Schwarmintelligenz.  

Antworten sind Almosen

Laut Programmheft drehte sich die Aufführung um das Thema Sehnsucht, um die Sucht zu sehen. In mir selbst erweckten die Szenen eher Gedanken über die Suche nach Erleuchtung und Erkenntnis. Eine Suche, die manchmal witzig und manchmal traurig wirkte, immer aber bewegend und, ja, zu Herzen gehend.
Die einzelnen Figuren stellten dabei die Erwartungen jeweils konsequent auf den Kopf. Der Guru war ein nervender Pedant, der Sunnyboy in der Strandliege ausgesprochen unentspannt, und Goldmarie ein nervös scharrender Junkie, die gierig auf den nächsten Schuß Goldflitter wartete. Das kartenspielende Orakel beantwortete zwar Fragen, machte damit aber niemand schlauer. "Antworten sind Almosen," war vielleicht einer der Schlüsselsätze des Abends.
Seil das von der Decke hängt
Aus dem Programmheft zu Erleuchthund
Von der verführerischen Meerjungfrau wurden die Zuschauer am Ende nicht ins nasse Grab gelockt, sondern zum Aufbruch ermuntert. Geleitet wurden wir dabei von einer Art Zerberus, der sich aber von der Decke abseilte, statt aus der Unterwelt hervorzukriechen.
Er entließ das Publikum zu einer Irrfahrt im Kastenwagen, die an der Station Selbstfindung endete.

Selbstfindung mittels Handy

Hier musste nun jeder, angefeuert von drei Cheerleadern, aus lauter gleichartigen Boxen sein beim Eintritt abgegebenes Handy wieder finden. Das Auffinden des eigenen Telephons als Selbstfindung, das Smartphone als ultimative Verkörperung der eigenen Person - ein sehr charmanter Einfall.
Ich weiß nicht, ob manche Zuschauer am Ende erleuchtet waren, aber viele hatten ein freudiges Leuchten in ihren Augen.

Kultbilder einer erträumten Vergangenheit

Dieses freudige Leuchten sah ich dann auch zwei Tage später, schräg gegenüber im Studio Rose. Hier zeigte Andreas Kloker seine Elementarzeichnungen. Dabei malt er mit Wasser auf Schiefertafeln. Das Wasser verdunstet bereits während des Malens, so dass man nie ein fertiges Bild sieht, sondern immer den Prozess des Entstehens und Vergehens.
Andreas Kloker im Studio Rose, Schondorf am Ammersee
Photo © Rainer Jünger
Vielleicht weil in dieser Woche alle Feuilletons darüber geschrieben haben, musste ich an Damien Hirst's Ausstellung "Treasures from the Wreck of the Unbelievable" denken. Bei Kloker wie bei Hirst sehe ich Erinnerungen an eine erträumte Vergangenheit. Die Bilder wirkten für mich wie kultische Artefakte einer versunkenen Epoche, vielleicht Anrufungen der Göttin Ishtar. 
Andreas Kloker zeigt diese Elementarzeichnungen nun schon seit vielen Jahren (vom gehen und amen), und hat sie nur behutsam verändert und weiterentwickelt. Heuer gab es erstmals elektronische Musik zur Malerei. Zusammen mit dem kirchenartigen Raum des Studio Rose verstärkte sich dadurch noch der Eindruck einer sakralen Kunst.

Das Wunder der Fruchtbarkeit

Auch hier wieder das faszinierende Erlebnis, dass aus dem selben Verfahren jedesmal etwas Anderes entsteht. Wie ich schon eingangs geschrieben habe, ist das ja das Wunder der Fruchtbarkeit und des Erschaffens, der Kreativität: Dass aus dem gleichen Prozess immer wieder etwas Neues entsteht.
Ein Geschenk, für das die Menschen Ishtar – oder wem auch immer – dankbar sein dürfen.

1 Kommentar :

  1. Die Elementarzeichnungen sind immer wieder ein Erlebnis!
    Und was die Selbstfindung betrifft, so läuft die bei mir über andere Hilfsmittel. Ich bin zwar Besitzerin eines Smartphones, aber es ist fast nie eingeschaltet, und ich nehme es nur mit, wenn ich längere Autofahren unternehme. Für den Fall der Fälle. Damit will ich sagen, dass ich wohl zu den Fossilien gehöre, die ganz prima ohne Handy auskommen. Obwohl ich vermutlich eine der ersten war, die so ein Ding hatten. Jahre her … ein hübsches kleines und (schweineteures) Ericson. Ein damaliger Kunde hatte den Deutschlandvertrieb von Ericson.

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